ENTDECKUNG DER BUTTERMILK ROCKSENTDECKUNG DER BUTTERMILK ROCKS

Text & Fotos: Doug Robinson

6. September 2018

Heutzutage ist Bishop im US-Bundesstaat Kalifornien als Boulder-Mekka bekannt. Zwischen 30 und 80 Autos sind in der Regel an der Buttermilk Road bei den Peabodies und den Birthday Boulders geparkt. Fast täglich kommen immer mehr Kletterer in ihren Vans an, um sich Sand und Sage zu widmen. Kaum vorstellbar, dass alles vor 76 Jahren anfing, als ein nichtsahnender buddhistischer LKW-Fahrer in einen mittlerweile fast vergessenen Teil der Buttermilk Rocks vordrang.

Das Bouldern hat das Klettern gewissermaßen überholt. „Pebble Wrestling“ ist eine prägnantere Bezeichnung. Es ist eine Leidenschaft für winzige Aufstiege, die lächerlich schwierig geworden sind. Sie werden ohne Seil durchgeführt, dafür aber mit großen Schaumstoffkissen, um die häufigen Stürze abzufedern, während man komplizierte Bewegungssequenzen ausarbeitet. Bouldern bestimmt seit Jahrzehnten die Kletterszene und ist daher ein Trend, der bleibt.

Aber warum wurden die Buttermilk Rocks zum „Ground Zero“? Nur wenige kennen die Geschichte, nach der das Klettern an diesem Ort seine Inspiration einem zurückhaltenden Mann mit Schirmmütze und ledernen Wanderstiefeln zu verdanken hat.
Die Internetsuche nach Smoke Blanchard verrät, dass er im Jahr 1941 zum ersten Kletterer von Bishop wurde. Smoke wuchs in Portland auf, wo er seine ersten Aufstiege, Speedklettern und Skiabfahrten am Mt. Hood machte, bevor er hierher zog, um einen Propan-LKW zu fahren (Dieselrauch verhalf ihm zu seinem Namen), ein Winterjob, der es ihm ermöglichte, sich die Sommer fürs Klettern freizuhalten. Smoke ratterte über die Buttermilk Road und wanderte in das Felsenlabyrinth. Die Boulder kamen später.

Stattdessen gefielen Smoke die Granitfelsen etwas unterhalb der berühmten Felsblöcke. Das Durcheinander von Schluchten, Schornsteinen, Rinnen und sogar Tunneln ist ungefähr eine halbe Meile breit und erstreckt sich fast eine Meile den Hang hinauf. Im Gegensatz zu den Boulders wagt sich heute fast niemand mehr in Smokes Felsen vor.

Infolgedessen haben nur wenige von Smokes „Rock Course“ gehört, seine Kreation, die sich durch das Labyrinth schlängelt und eine Linie von Möglichkeiten eröffnet, die an Dutzenden kleinen Gipfeln vorbeiführt. Noch weniger haben seine sandigen Genüsse erlebt, den einzigartigen Kletterstil, den Smoke größtenteils alleine auf den Formationen, die an geronnene Buttermilch erinnern, erfunden hat.

Smoke bezeichnete es als „leichtes Klettern“, und während es von Bewegung zu Bewegung gesehen leichter ist als Bouldern, ist es wirklich etwas ganz anderes, eine einzigartige Form des Kletterns – man kann die zwei Arten nicht miteinander vergleichen.

So sonderbar das gar-nicht-so-leichte Klettern von Smoke nach unserer modernen Empfindung erscheint – gewohnt an den Luxus von Nylonseilen, die einen LKW hochziehen könnten, und schmerzhaft engen Kletterschuhen – ist es das Erbe einer ehrwürdigen Tradition. Wir haben es nur vergessen. Stattdessen sind wir von den neuesten Sensationen in der Kletterszene gefesselt. Keine Frage, sie sind bemerkenswert. Und inspirieren uns, unsere Grenzen zu testen. Jedoch haben sie unvermeidlicherweise unser Empfinden für ältere Formen des Kletterns abgestumpft – Kletterarten, die andere Freuden wecken als nur nach Graden jagen. Wie etwa die konstant frei fließenden Bewegungen von leichterem – obwohl es nicht wirklich leicht ist – Klettern.

Weißt du, es gibt einen Sweetspot auf der Schwierigkeitsskala. Für mich liegt er zwischen 5,4 und 5,7. Du musst deinen eigenen herausfinden. Wenn ich es mir überlege, enthält Smokes Rock Course sehr viel an Gelände mit Vierter- oder gar Dritter-Klasse-Wertung. Du erkennst es am Fluss, nämlich wenn du dich wie ein Tänzer über den Fels bewegst, bevor die zunehmende Schwierigkeit dich langsamer macht, den Schweiß treibt und die Angst vor dem Fliegen heraufbeschwört. Es ist die pure Freude am Bewegen, in der Bewegung selbst. Hoch genug, um zu zählen, erfordert es die volle Aufmerksamkeit, jedoch wird es meist nicht von der Furcht vor dem Herunterfallen konsumiert. Fluss ist eine gute Bezeichnung. Für die Art, wie du dich graziös fortbewegen kannst. Und natürlich für den freien Kopf, der sich aus dieser Bewegung ergibt. John Gill, der praktisch das Bouldern erfunden hat, beschrieb „…es als bemerkenswertes Gefühl von Leichtigkeit und Losgelöstheit.“

Der Rock Course ist ein Ganzkörper-Training. Auf den Spuren von Smoke fühlst du, wie sich dein Horizont mit der Anstrengung verändert. So auch in einem seiner für ihn typischen Schornsteine, in denen du durch eine enge Spalte aufsteigst, in Schweiß ausbrichst, nur um eine Angriffsfläche zu finden, Schritt für Schritt, die Wände auseinanderdrückst, und plötzlich bist du mehrere Etagen höher. Gekonnt schildert es Smoke in seinem Buch Walking Up and Down in the World: Memories of a Mountain Rambler. „Ich weiß nicht, wie ich es zu Papier bringen soll“, schrieb er, „dieses Gefühl, das einen durchdringt, wenn man aus der Dusche steigt mit tiefengereinigter Haut, die mit kristallinen Kratzern kribbelt, die Muskeln angenehm müde, die Gelenke gut geölt, während Geist und Seele nach einem ganzen Tag in den Buttermilk Rocks leuchten.“

In der Tat ist „ein ganzer Tag“ viel verlangt. Das letzte Mal, als ich den Rock Course machte, mit einem Dutzend neuer Aspiranten, schafften wir drei von den zwölf Gipfeln. Wir gingen es gemächlich an und brauchten dennoch nur einen halben Tag dafür. In den Pausen erzählten wir uns Geschichten über Smoke und bewunderten die Aussichten. Natürlich machten wir im Picnic Valley Halt, über einem auf dem Sand ausgebreiteten Tischtuch voller Snacks, Teil einer Tradition, die Smoke als „Kombination von Picknick und Pilgerreise“ bezeichnete.

Als der Käse und die Cracker weggepackt und die letzten Reste Wein getrunken wurden, waren drei Vorläufer bereits dabei, parallele Aufstiegskanäle am Big Slab Pinnacle hochzuklettern. Sie zogen 15 Meter lange Stücke an dünnem Seil hinter sich her (Smoke nannte es seine „Schnur“), die einzige Kletterausrüstung, die wir bei uns trugen. Wir ließen einfache Klettertechniken aus der Vergangenheit wieder aufleben, verwendeten althergebrachte Wickelknoten für nachfolgende Partner, während wir ohne Hardware sicherten, indem wir einfach in einer Aushöhlung im Fels sitzenblieben, um ein Ausrutschen zu verhindern.

Ältere Kletterer kennen die Freude an robusten Bewegungen, die wir modernen, die reiner Schwierigkeit nachjagen, manchmal vergessen. Klassische Kletterer, die immer schwierigere Gipfel zu erklimmen versuchen, haben den Schwierigkeitsgrad des Kletterns bis zu Manövern der fünften Klasse hochgetrieben. Damals schon legendär, lange bevor das Seil in den Klettersport Einzug hielt, bleiben ihre Heldentaten heute weitgehend unbeachtet.

Man denke an Paul Pruess. Vor hundert Jahren definierten seine kühnen Solos die Grenzen des Möglichen. Ein Video einer modernen Wiederholung einer seiner Routen, das Erklettern eines 300 Meter hohen Felsturms in den italienischen Dolomiten, bringt die Qualität seines Kletterns zum Ausdruck.

Oder wir könnten auf das uralte China zurückblicken. Die Poesie in Smokes Bibliothek führte mich zu Han Shan, ein „Mountain-Madman“ aus dem siebzehnten Jahrhundert, dessen Heldentaten an den nebligen Türmen, die praktisch die chinesischen Schriftrollen definierten, zur Geburt von Zen beitrugen. Als scheuer Kerl lebte er in Höhlen unter den Klippen von Cold Mountain und hinterließ seine Gedichte in den Fels gekritzelt. Er schrieb,

Der Weg zu Han-Shans Ort ist lächerlich,
Konvergierende Schluchten – ihre Windungen nur schwer nachspürbar –
Zerklüftete Klippen – unglaublich schroff

Im Großen Ganzen ist Klettern lächerlich. Aber schließlich sind wir Primaten; es liegt uns im Blut.

Siehst du? Diese ehrwürdige Tradition ist die Quelle des leichten Kletterns à la Smoke, des grandiosen Kletter-Erbes, das er auf diesen Rock Course übertragen hat. Zu kühn, um als albern zu gelten, zu bewundernswert tapfer, um als kraxelnd abgewiesen zu werden. Aber der Beweis liegt im Klettern. Ich würde es als nobel bezeichnen, wenn auch seine bloße schweißige Realität eine kriechende Eigenschaft hat, die für eine erfrischende Ehrlichkeit sorgt. Letztlich ruft uns der Rock Course von Smoke ins Gewissen, mit voller Dringlichkeit durchs Leben zu gehen. Wie wär‘s?

„Pebble Wrestling ist eine prägnantere Bezeichnung. Es ist eine Leidenschaft für winzige Aufstiege, die lächerlich schwierig geworden sind.“

Zunehmende Schwierigkeit verlangt volle Aufmerksamkeit.

Felsblöcke erheben sich aus dem rauen Wüstenplateau.

Schaumstoffkissen sind für die großen Felsblöcke der Buttermilks unverzichtbar.

Kleine Gipfel, die neue Horizonte eröffnen.

Smoke Blanchard machte die Buttermilks zum Ground Zero des Boulderns.

Hochwinden in einem schmalen Spalt.