Neun Monate in Der ArktisNeun Monate in Der Arktis

Text: icebreaker
Fotos: Hearts in the Ice

8. August 2019

In die ewige Dunkelheit des arktischen Winters aufzubrechen ist eine Herausforderung ohnegleichen. Sunniva Sorby und Hilde Fålun Strøm werden neun Monate in einer Hütte ohne Strom und fließendes Wasser verbringen, um wissenschaftliche Proben zu erheben und sich dem Dialog zum Klimawandel anzuschließen. Wir trafen uns mit Sorby während der Vorbereitungen für das Winterprojekt „Hearts in the Ice“ im norwegischen Spitzbergen.

Verrate uns, wie du die Liebe für das Eis entdeckt hast.
Ich war mit dem Flugzeug von Chile in die Antarktis zum Start der Südpolexpedition unterwegs und erinnere mich noch genau, wie ich auf das Eis mit all seinen Rissen und Spalten hinunterschaute…es war menschenleer und karg und wunderschön. Dieses Erlebnis war für mich ein absoluter Wendepunkt. Ich war die vierte Person in einem vierköpfigen Frauenteam, das sich zum Südpol aufmachte. Zwar hatte ich zuvor an kleinen Expeditionen mit einer Dauer von zwei bis drei Wochen teilgenommen, aber noch nie an einer so langen Tour, die derart abgelegen sowie physisch, seelisch und spirituell so entwurzelnd ist wie diese Expedition.

Was haben dir diese polaren Erlebnisse in menschlicher Hinsicht gelehrt?
Ich habe sehr viel über Verbundenheit gelernt. Komisch eigentlich, dass du dich an einem Ort wie der Antarktis, der vollkommen karg und weiß ist, mit der natürlichen Welt und deinen Sinnen, mit deinem Ursprung und deinem Dasein stärker verbunden fühlst als anderswo auf der Welt. Es ist eine wunderbare Sache.

Erkläre uns das Hearts in the Ice-Projekt.
Es ist aus der Liebe für die Polarregionen, die ich mit meiner Expeditionspartnerin Hilde teile, entstanden. Wir arbeiten beide seit nahezu 24 Jahren in der Arktis und Antarktis und sehen, wie sehr sich alles verändert. Ich bin zwar keine 30 mehr, aber ich möchte beim Thema Schutz unseres Planeten immer noch mitsprechen. Deshalb beschlossen wir gemeinsam, einen Dialog zum Klimawandel zu starten und zu berichten, was vor sich geht und warum sich die Leute dafür interessieren sollten.

Wie kam es genau zustande?
Hilde lebte in einer Stadt namens Longyearbyen in Norwegen. Es war 10 Uhr morgens und es hatte die ganze Nacht geschneit, und dann kam der Wind auf. Das Gelände ist ein Dauerfrostboden und sollte eigentlich ständig gefroren sein, aber die Erde erwärmt sich seit vielen, vielen Jahren. Der Grund hat sich mit der großen Menge Schnee und dem starken Wind so sehr erwärmt, dass in der Stadt eine Lawine ausgelöst wurde. 12 Häuser wurden in Hilde‘s Nachbarschaft zerstört. Sie und ihr Mann waren die Ersten vor Ort. Sie war Teil der Rettungsaktion. Plötzlich wurde Klimaerwärmung für sie zu einer ganz realen und persönlichen Angelegenheit. Die Lawine forderte zwei Todesopfer: ein Mann und ein zweieinhalbjähriges Mädchen. Letztes Jahr war ich selbst dort und es war wirklich…es war wirklich herzzerreißend.

Für Hilde war das ganz klar ein ausschlaggebender Moment, und für euch beide, diese Expedition zu machen.
Ja. Die Lawine war für Hilde wirklich ein Wendepunkt in dem Sinne, dass sie das Bewusstsein für einen Ort steigern wollte, den so viele Touristen besuchen – Spitzbergen. Zwar nimmt der Tourismus in der Region zu, jedoch nehmen die Besucher nur kleine Häppchen von dieser wunderschönen, natürlichen Welt und dem Tierleben, das dort oben existiert. Wir sind beide in der Expeditionsindustrie beschäftigt und überlegten uns daher, was wir gemeinsam tun könnten – als quasi technische Gegenpole – jedoch mit einer gleichgesinnten Liebe für unsere eisigen Regionen. So entstand Hearts in the Ice. Wir werden Daten für Wissenschaftler erheben, die den Klimawandel erforschen; wir arbeiten mit NASA, dem Scripps Institute und dem norwegischen Polarinstitut zusammen. Neben Meerwasserproben werden wir Proben von Mikroplastik und Schwebeteilchen nehmen sowie Wolken- und Tierweltbeobachtungen durchführen.

Das ist unser Beitrag, den wir leisten können. In der Tat können wir für die Wissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen, relevant sein, und daraufhin ihre Erkenntnisse verbreiten und irgendwie die Dinge zueinander in Beziehung setzen. Unsere Absicht ist nicht, die Menschen zu deprimieren, sondern sie zu inspirieren. Wir möchten, dass sie rausgehen und das zu schätzen lernen, was vor ihrer Haustüre liegt. Man muss nicht bis in die Arktis oder Antarktis reisen, um etwas zu bewegen.

Wie bereitest du dich auf ein derartiges Unterfangen vor?
Die Vorbereitung auf eine Mission wie diese ist enorm, überwältigend und beängstigend. Das fängt bei der Finanzierung und der Unterstützung für den Transport an. Die ganze Ausrüstung für neun Monate – Lebensmittel und so weiter – werden im August kommen müssen. Wir müssen packen und uns überlegen, wie wir alles verschicken und danach zur Hütte befördern. Am meisten überwältigt und beängstigt mich der emotionale und mentale Aspekt von dem, was wir vorhaben. Mal ehrlich, wer würde schon seinen ganzen Komfort zurücklassen und neun Monate lang in einer 20 Quadratmeter großen Hütte ohne fließendes Wasser und Strom leben? Wie ich damit zurechtkommen werde, weiß ich momentan noch nicht. Ich kenne mich aber gut genug, um zu wissen, dass ich überleben werde. Ich werde lebend zurückkehren und bin mir sicher, dass mich diese Expedition demütig werden lässt.

Welchen Stellenwert haben Begegnungen mit der Tierwelt auf dieser Reise?
Tatsächlich stellt die Tierwelt eine der größten Gefahren für uns dar. Etwa werden wir an diesem Ort vor Eisbären nicht flüchten können, sie werden in unserem Umfeld sein. Meines Wissens ist bisher noch niemand länger als einige Wochen in der Bamsebu Hütte geblieben. Ich befürchte, dass die Kochgerüche die Eisbären anlocken werden und wir müssen sehr vorsichtig sein. Unsere Absicht ist es, mit der Tierwelt vor Ort in Harmonie zu leben und unsere Beobachtungen zu teilen. Wir haben außerdem vor, elektrische Motorschlitten mitzubringen. Weil Lärm die Ansammlung von Tieren sowie ihre Brut- und Nistplätze stark beeinflusst, müssen wir versuchen, diese Auswirkungen zu mindern.

„NEBEN MEERWASSERPROBEN WERDEN WIR PROBEN VON MIKROPLASTIK UND SCHWEBETEILCHEN NEHMEN SOWIE WOLKEN- UND TIERWELTBEOBACHTUNGEN DURCHFÜHREN.“

Eine Lawine in Longyearbyen, Norwegen, im Jahr 2015, eine Folge des Klimawandels.

Eine Lawine in Longyearbyen, Norwegen, im Jahr 2015, eine Folge des Klimawandels.

Eine Lawine in Longyearbyen, Norwegen, im Jahr 2015, eine Folge des Klimawandels.

Eine Lawine in Longyearbyen, Norwegen, im Jahr 2015, eine Folge des Klimawandels.

Bamsebu, eine historische Trapper-Hütte im arktischen Norwegen; Hilde und Sunniva werden neun Monate lang in einer 20 Quadratmeter großen Hütte überwintern.

Bamsebu, eine historische Trapper-Hütte im arktischen Norwegen; Hilde und Sunniva werden neun Monate lang in einer 20 Quadratmeter großen Hütte überwintern.