Zu Fuß durch die Wüste GobiZu Fuß durch die Wüste Gobi

Text: Laura Charabot
Fotos: Mateusz Waligóra

30. August 2019

Im Juli 2018 durchquerte Mateusz Waligóra, Forschungsreisender für National Geographic, als Erster alleine die Wüste Gobi. 58 Tage lang einen Karren mit 200 kg an Vorräten über unwegsames Gelände unter extrem schwierigen Bedingungen zu ziehen, ist eine Leistung, die ihn in die Liste der profiliertesten Abenteurer befördert hat. Kurz vor seiner nächsten Expedition, der Durchquerung der Salzpfanne Salar de Uyuni in Bolivien, fragten wir ihn, was ihn dazu motiviert, sich derart extremen Herausforderungen zu stellen.

Erzähle uns von deiner Tour.
Ich wollte mir unbedingt eine persönliche Herausforderung stellen. Also unternahm ich als erster Mensch der Welt eine Solo-Durchquerung des mongolischen Teils der Wüste Gobi. In 58 Tagen legte ich 1.785 Wüstenkilometer zurück, während ich meine ganze Verpflegung und Ausrüstung auf einem speziell angefertigten Karren transportierte.

Die Tour testete mich in technischer, physischer und mentaler Hinsicht bis aufs Äußerste. Hast du irgendwann ans Aufgeben gedacht?
Diese Tour brachte mich an die absoluten Grenzen meines Körpers. Ich nahm 24 kg ab und zog mir viele Verletzungen zu, die mir zum Teil noch Jahre Probleme machen werden. Das Ziel erreichte ich hauptsächlich dank meiner Willenskraft. 500 km vor dem Ende des Marsches kritzelte ich die folgenden Worte in mein Notizbuch: Diese sinnlose, instrumentelle Ausbeutung meines Körpers ist mit so viel Hochmut behaftet, dass mir bei dem Gedanken an mich selbst schlecht wird. Ich spüre ein starkes Bedürfnis, nicht mehr weiterzugehen, und dennoch ergreift mich noch ein anderes, noch stärkeres Gefühl: „Halte bis zum bitteren Ende durch.“

Kannst du uns etwas über Isolation und die damit verbundenen Folgen für die menschliche Psyche erzählen?
Einsamkeit ist eine Gefahr und ein Segen zur gleichen Zeit. Sie quälte mich am Anfang der Expedition, aber mit der Zeit freundete ich mich mit ihr an. Dass ich die Wüste alleine in Angriff nehmen würde, war von Anfang an klar. Die Wüste ist wie ein Spiegel, in den du schaust. Sie hat keine Filter und keine Bearbeitungsfunktionen. Es gibt nur mich. Ich spiele keine Rolle hier, weil das Publikum dafür fehlt. Über Dutzende Tage hinweg war ich bis auf die Knochen achtsam.

Hast du auf deiner Tour etwas gelernt, das du weitergeben möchtest? Über dich selbst und über das Leben im Allgemeinen?
Das ganze Wissen und die Erfahrung, die ich während der Tour sammelte, lassen sich schwer auf wenige Sätze reduzieren. Deshalb schreibe ich momentan ein Buch über diese und frühere Expeditionen. Kurz gesagt wurde mir (wieder einmal) klar, dass Menschen zu Dingen fähig sind, die sie nicht für möglich halten. Sie haben Willenskraft und Stärke, sie brauchen nur den Mut, diese Fähigkeiten in ihnen zu entdecken.

Hast du unerwartete Hilfe oder Unterstützung erhalten?
Die Expedition erfolgte unter der Voraussetzung, dass ich sie ohne externe Unterstützung durchführe. Und obwohl es keine einheitliche Definition für eine solche Vorgehensweise gibt, bedeutete sie für mich, dass ich nur meine eigenen Lebensmittel verwende, d.h. keine Vorablieferungen von Wasser und Essen, und keinerlei Unterstützung. Ich traf viele Nomaden in der Gobi und lehnte stets jegliche Hilfe von ihnen ab. Dennoch hatte ihre Präsenz in schwierigen Zeiten einen tröstenden Effekt.

Gab es während der Tour einen bestimmten Moment, der außergewöhnlich war?
Mit Sicherheit, ich werde den Moment, als ich die Stadt Sainshand – mein Endziel – am Horizont erblickte, nie vergessen. Es war ein ergreifender Moment. In Wirklichkeit jedoch war die gesamte Tour ein außergewöhnlicher Moment.

Was hat dich dazu bewegt, dein Leben als Abenteurer zu verbringen?
Ich war schon immer gerne an der frischen Luft. Als Kind verbrachte ich Stunden an einem nahegelegenen See, der im Winter zugefroren war. Ich spazierte über das Eis und stellte mir vor, ich wäre auf dem Weg zum Nordpol. Lediglich der Maßstab dieser Abenteuer hat sich geändert – jetzt gehe ich auf gefrorenen Flüssen im Himalaya oder durch die Wüsten von Australien. Und ich kann mir nicht vorstellen, einen 9-to-5-Job zu machen.

Hat das Opfer erfordert?
Je mehr Anstrengung erforderlich ist, desto größer ist die Befriedigung. 12 meiner 32 Jahre habe ich in Bezug auf fast alle meiner Entscheidungen dem Ziel gewidmet, professioneller Abenteurer zu werden. Es hat funktioniert, und obwohl es nicht immer leicht ist, macht es mich glücklich.

Was ist deine Beziehung zur Natur? Welchen Einfluss hat sie auf deine Bestimmung?
Die Natur ist die größte Antriebskraft für sämtliche meiner Reisen. Die Ziele der nächsten Expeditionen definieren zumeist Orte, die unbewohnt sind. Wüsten, hohe Berge oder die Arktis sind Orte, an denen ich mich am wohlsten fühle, weil ich in der unberührten Natur bin.

„Kurz gesagt wurde mir (wieder einmal) klar, dass Menschen zu Dingen fähig sind, die sie nicht für möglich halten. Sie haben Willenskraft und Stärke, sie brauchen nur den Mut, diese Fähigkeiten in ihnen zu entdecken.“

Der erste Baum nach 1.600 km Fußmarsch – ich musste ihn einfach umarmen.

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Mateusz war Wetter ausgesetzt, das extrem und extrem wechselhaft war.

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Ausschau halten nach Kamelen – Manchmal konnte ich sie riechen, bevor ich sie sehen konnte.

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Das Versagen meiner Ausrüstung en route war Teil des Abenteuers.

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Wenn es bei Nacht in der Wüste windstill war, herrschte absolute Stille.

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