TIEFTAUCHEN: BEN LECOMTE ÜBER MIKROPLASTIKTIEFTAUCHEN: BEN LECOMTE ÜBER MIKROPLASTIK

Text: Ben Lecomte
Fotos: Sarah-Jeanne Royer / Olivier Poirion

9. Mai 2019

Der Langstreckenschwimmer und Meeresschützer Ben Lecomte hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die Meeresverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Am Vorabend seines „Vortex Swim“ durch den Plastikmüllstrudel, den sogenannten North Pacific Garbage Patch, geht er näher auf die verborgenen Probleme im Zusammenhang mit Mikroplastik und Mikrofasern ein.

Schon als Kind wurde ich auf Plastikmüll aufmerksam, als ich ihn angespült an den Stränden sah. Und seither fällt er mir auf, wenn ich im Ozean schwimme. Im Verlauf der Jahre bin ich große Distanzen im Atlantik und Pazifik geschwommen und habe die Auswirkungen der Verschmutzung auf Meereslebewesen aus erster Hand gesehen. Die Menschen denken, dass der Ozean für uns nicht wichtig ist, aber das stimmt nicht, er ist sehr wichtig. Der Ozean kann ohne uns leben, aber wir nicht ohne ihn. Als Vater möchte ich das Problem der Meeresverschmutzung nicht an die nächste Generation weitergeben. Wann ist der Wendepunkt, und wann ist es zu spät? Ich weiß es nicht. Deshalb möchte ich so viel wie möglich tun, um Aufmerksamkeit zu erregen und Veränderungen zu bewirken.

Der Vortex Swim
Im Juni starte ich den Vortex Swim, von Hawaii nach Kalifornien, durch eine dichte Konzentration von Plastikmüll, den sogenannten North Pacific Garbage Patch. Ich werde bis zu acht Stunden lang am Tag schwimmen, während ich zusammen mit meinem Team Proben für unsere wissenschaftlichen Partner erhebe, darunter Nasa, die Scripps Institution of Oceanography, die University of Hawaii und die Woods Hole Oceanographic Institution. Mikroplastik und Mikrofasern gehören zu den Bereichen, die sie erforschen werden.

Ein verborgenes Problem
Ich bin auf Mikroplastik aufmerksam geworden, als ich das Thema Plastikmüll und seinen Lebenszyklus im Ozean genauer betrachtete. Das Plastik, das wir an Land benutzen und das dann im Ozean landet, zersetzt sich in immer kleinere Teilchen, auch Mikroplastik genannt. In den letzten drei oder vier Jahren wurde ich auch auf Mikrofasern aufmerksam – winzige Kunststofffasern, die von synthetischer oder semi-synthetischer Kleidung beim Waschen herausgelöst und ins Meer gespült werden. Beim Schwimmen sehe ich die winzigen Partikel nicht. Jedoch sind Mikroplastik und Mikrofasern überall. Jedes Mal, wenn wir das Netz auswerfen, um Proben zu entnehmen, finden wir Mikroplastik. Die bisher größte Menge waren über 600 Teilchen, die innerhalb von 30 Minuten ins Netz gingen. Und das war mit einem kleinen Netz, das nicht viel Wasser aufnehmen konnte.

Welche Auswirkungen haben Mikrofasern auf den menschlichen Körper? Wir sind erst am Anfang unseres Wissens. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass Mikrofasern mit ernsthaften Folgen für das Hormonsystem verbunden sind. Wir wissen, dass Mikrofasern Bakterien auffangen und festhalten, d.h. wenn du sie über deine Nahrung aufnimmst, nimmst du zugleich eine Menge Schadstoffe auf. Wir wissen zudem, dass die Konzentration von Mikrofasern im Ozean steigt. Aber wir brauchen mehr Informationen. Es ist wichtig, dass wir diese Daten erheben, damit sie von Wissenschaftlern analysiert werden können.

Proben entnehmen
Alle 30 bis 50 Seemeilen erheben wir Daten, so dass wir am Ende rund 200 Proben von Mikroplastik und Mikrofasern haben werden. Das Mikroplastik entnehmen wir mit Netzen und frieren es für die spätere Analyse ein. So können die Wissenschaftler untersuchen, welche Arten von Organismen sich auf dem Plastik ansammeln. Außerdem entnehmen wir Mikrofaserproben, indem wir das Wasser filtern und die Proben ebenfalls einfrieren. Jedes Mal, wenn wir Fische zum Essen fangen, behalten wir eine Probe des Fleischs, um sie auf Mikroplastik und Mikrofasern sowie Toxizität hin zu untersuchen.

Einer unserer wissenschaftlichen Partner ist die Scripps Institution of Oceanography an der UCSD in San Diego in den USA. Ich arbeite dort mit Sarah-Jeanne Royer zusammen, um die Daten, die ich für sie erhebe, und die von ihrem Team analysiert werden, zu planen. Vor Kurzem unterhielt ich mich mit ihr, um ihre Ansichten über Mikroplastik und Mikrofasern zu erfahren.

Wir werden Proben für dich entnehmen, damit du sie analysieren kannst. Kannst du uns sagen, was du gerne in Erfahrung bringen möchtest?
SARAH-JEANNE: Wir wissen noch nicht genug über das Schicksal des Plastikmülls und seiner Zersetzung im Ozean. Wie viel dieses Plastikmülls schwimmt auf der Wasseroberfläche? Wie viel davon sinkt in die Tiefe? Wir können 99% des Plastikmülls im Ozean immer noch nicht erklären. Infolgedessen wissen wir sehr wenig über das Endziel von Plastik…ist es hauptsächlich auf dem Meeresboden, in der Wassersäule, wird es von Meereslebewesen aufgenommen oder in derart kleine Partikel zerlegt, dass wir noch nicht einmal die richtige Technologie haben, um die Teilchen zu messen? Die Forschung ist noch so jung, dass jede Studie, die erscheint, eine von etwa 100 Fragen beantwortet und gleichzeitig 200 weitere Fragen aufwirft. Dagegen haben andere Themenbereiche der Wissenschaft Jahre oder gar Jahrzehnte hinter sich, und deshalb ist es schwer, momentan irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Irgendwann, und lieber heute als morgen, müssen wir die Auswirkungen von Mikrofasern auf die menschliche Gesundheit in Erfahrung bringen. Dies wird die Dinge beschleunigen und dabei helfen, bessere Gesetze und Richtlinien zu entwickeln.

Was wirst du mit den Forschungsergebnissen machen?
SARAH-JEANNE: Für mich ist es sehr wichtig, dass die Forschungsergebnisse über die wissenschaftlichen Kreise hinausgehen und Verbraucher über die Folgen dieses globalen Problems aufmerksam gemacht werden. Jedoch ist das Problem der Mikrofasern für die Menschen schwer zu verstehen, weil sie mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. Sie befinden sich in der synthetischen Kleidung, die wir tragen, sie entweichen in die Luft und Wasserwege (Flüsse, Ozeane) und kommen mittlerweile überall vor, selbst in unseren Lebensmitteln und Getränken; in der Tat, wir trinken Mikrofasern, wir essen Mikrofasern und wir atmen sie sogar ein. Synthetische Kleidung wird aus Kunststoff gefertigt – der wiederum aus fossilen Brennstoffen hergestellt wird. Dieses giftige Produkt ist in unserem täglichen Leben zugegen – in den Produkten, die wir tagtäglich benutzen. Selbst wenn wir versuchen, gesund zu leben und uns zu bewegen, tragen wir Plastik, wenn unsere Kleider aus synthetischem Material bestehen. Wir müssen Verbraucher über dieses Problem besser informieren und sie über die negativen Folgen, die diese Materialien für die Umwelt und unsere Gesundheit haben, aufklären. Verbraucher müssen in die Lage versetzt werden, sachlich fundierte Entscheidungen zu treffen. Dazu müssen wir ihnen die Tatsachen liefern und darin sehe ich meine Aufgabe als Wissenschaftlerin.

Was hat dein Interesse an Plastikmüll im Ozean geweckt?
SARAH-JEANNE: Ich habe meine Doktorarbeit im Fach Biogeochemie über klimarelevante ozeanische Gase geschrieben. Meine erste Habilitation an der University of Hawaii war über Treibhausgas-Emissionen von Kunststoffen. Im Rahmen der Experimente untersuchten wir die Methanbildung biogenen Ursprungs und entdeckten, dass nicht das Meerwasser die Mehrheit der Gase produzierte, sondern die Plastikflasche, die die Meerwasserprobe enthielt. Und weil Plastik sich in immer kleinere Teilchen zersetzt, vergrößert sich seine Fläche, so dass im Verlauf der Zeit mehr Gase freigesetzt werden. Mit anderen Worten, der gesamte Plastikmüll, der seit den 1950er Jahren in die Umwelt gekippt wird, zerfällt derzeit in immer kleinere Teilchen und produziert die Treibhausgase, die zum Klimawandel beitragen.

Was ist deiner Meinung nach die Lösung für das Plastikmüllproblem?
SARAH-JEANNE: Ich sehe die Sache so: in der Umwelt gibt es das Plastik aus der Vergangenheit (und der Gegenwart). Der einzige Weg, dieses Problem zu beheben, ist es aus der Umwelt zu entfernen, und zwar durch die Säuberung von Flüssen, Bächen, Stränden und Meeren. Wir müssen es entfernen, damit es der Tierwelt nicht länger schadet, in der Umwelt nicht abgebaut wird, die Ausbreitung von invasiven Arten nicht länger fördert und nicht weiter eine Gefahr für die Navigation darstellt. Recycling ist mit Problemen behaftet. Dennoch können wir Plastik lokal wiederverwenden, um das, was wir geschaffen haben, zu nutzen, ohne die Umwelt weiter zu belasten. Wir müssen eben nur intelligent und vorsichtig vorgehen. Als Nächstes müssen wir uns über die Zukunft und die prognostizierte Plastikproduktion bis 2050 Gedanken machen. Wenn wir jetzt nichts ändern, wird sich die Menge, die sich momentan in der Umwelt befindet, in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln oder sogar verdreifachen, und das müssen wir verhindern. Wir müssen neue Produkte und Materialien entwickeln, und neue Geschäftsmodelle, die umweltverträglicher sind (Parley und icebreaker sind großartige Beispiele dafür). Wir müssen in die Forschung und Entwicklung investieren und diesen Projekten Priorität einräumen. Eine einfache Lösung ist außerdem, die Verwendung von Einwegplastik zu stoppen, zumal es nicht nötig ist und problemlos durch wiederverwendbare Gegenstände ersetzt werden kann. Um Verbraucher zu unterstützen, müssen wir ihr Bewusstsein schärfen und ihnen Optionen geben, weil sie letztendlich die Entscheidungen treffen. Und deshalb sind Projekte wie der Vortex Swim so wichtig.

„DAS PLASTIK, DAS WIR AN LAND BENUTZEN UND DAS DANN IM OZEAN LANDET, ZERSETZT SICH IN IMMER KLEINERE TEILCHEN, AUCH MIKROPLASTIK GENANNT.“

Wissenschaftlerin Sarah-Jeanne Royer identifiziert Mikroplastik-Gegenstände in einem Tierschutzgebiet in O’ahu Hawaii.

Ein Meer von Müll am Strand.

Aussieben von Mikroplastik

Wissenschaftler erforschen, wo Plastikmüll herkommt und wo er landet.

Das Spektrum von Plastikmüll reicht von großen Gegenständen, wie diese UPS-Kiste, bis zu mikroskopischen Plastikfasern.