ZURÜCK ZU DEN KOOTENAYSZURÜCK ZU DEN KOOTENAYS

Text: Ginni Seehagel/Emanuel Smedbøl
Fotos: Emanuel Smedbøl

20. September 2018

Wie kommt es, dass es uns an einen bestimmten Ort immer wieder zurückzieht? Schriftstellerin Ginni Seehagel und Fotograf Emanuel Smedbøl, beide wohnhaft in Vancouver, British Columbia, begegneten sich zum ersten Mal in den Kootenays, die im Südosten von British Columbia liegen. Seehagel spricht mit Smedbøl über diese Gebirgsregion, in der er aufgewachsen ist und zu der er häufig zurückkehrt. Er erörtert die Freude, die ein Ort vermittelt, dessen Bedeutung, und dass es beim Reisen um mehr als nur Entdeckung geht.

Emanuel und ich lernten uns an diesem Ort kennen. Ich war gerade mit meinem Mann in den Kootenays – einer Region im Inneren von British Columbia – an einem rauchigen langen Wochenende in der Hochsaison für Waldbrände. Früher reiste ich häufig in die Kootenays zum Zweck der Selbstentdeckung oder vielleicht auch Selbsterhaltung, je nachdem, wie man es betrachtet. Es war ein Ort, der mir im frühen Erwachsenenalter viel geholfen und gezeigt hat. Von allen Assoziationen hat sich ein Bild tief in mein Gedächtnis eingeprägt – blassblaue Gesteinsschichten aufgestapelt über bewaldeten Tälern mit kristallklaren Seen. Ich bezweifle, dass ich die einzige bin, die diese Erfahrung gemacht hat, zumal die Szene geradezu ikonisch scheint, insbesondere bei Rauch.

Weil ich als Besucher schon tief beeindruckt war, konnte ich nur darüber spekulieren, welche Gefühle die häufige Rückkehr für Emanuel, der in den Kootenays aufwuchs, auslöste. Ich fragte ihn, warum er jedes Jahr an den Ort, an dem er groß geworden ist, zurückgeht, um dieselbe Route mit dem Kanu abzufahren, wo er doch in Vancouver lebt, dem Land der endlosen und leicht erreichbaren Küstenwanderungen und Bademöglichkeiten:

„Ich wuchs in einer alten Blockhütte in den bergigen Kootenays in British Columbia auf. Wir waren etwa drei Meilen von einem kleinen Dorf mit einer Post und kleinen Schule entfernt, ungefähr eine Stunde vom nächsten Einkaufszentrum (Einwohnerzahl 10.000) oder circa acht Stunden östlich von Vancouver. Es war ziemlich ländlich. Unser Haus war auf einem kleinen Vorsprung gebaut, umgeben von dunklen bewaldeten Schluchten mit Blick auf die Berge. Ich verbrachte viel Zeit draußen im Wald und am Fluss. Der Wald war mein Spielplatz und weil alle meine Freunde meilenweit entfernt wohnten, war ich oft alleine unterwegs, oder manchmal folgte ich meinem Hund, um zu sehen, wo sie mich hinführte. Wahrscheinlich sehe ich alles in einem romantischen Licht, aber ich erinnere mich an ein beharrliches Gefühl von kühnsten Träumen, einen Sinn für das Unbekannte und die Hoffnung auf Entdeckung.“

Als wir uns über den Einfluss seiner Kindheit auf die Wahl seines gegenwärtigen Wohnorts unterhielten, sagte er, dass er zwar von seiner abgeschiedenen Erziehung bezaubert ist, jedoch auch eine starke Neugier für das Stadtleben in sich trägt, und sich von Geschichten und Bildern urbaner Progression und Architektur schon als kleiner Junge angezogen fühlte. Es ist allgemein anerkannt, dass Vancouver ein gesundes Gleichgewicht zwischen Annehmlichkeiten und Naturräumen bietet, was Städte angeht. Eine Vielfalt von Orten lässt sich ohne großen Aufwand erkunden. Emanuel gab zu bedenken, dass es viele Orte in nächster Umgebung gibt, die er besuchen könnte, es jedoch nicht tut:

„Ich bin mir nicht ganz sicher, warum ich mich zu bestimmten Orten hingezogen fühle, und zu anderen nicht. Was führt dazu, dass uns etwas gefällt? Ist es eine Art Vertrautheit? Eine Seelenverwandtschaft zwischen Person und Ort? Viele Orte, die mich ansprechen, sind in der Tat ähnlich wie die Landschaften zu Hause – Berge, Seen, Wälder. Aber viele sind auch ganz anders – die wirre Felsküste von British Columbia, weites offenes Weideland, skulptierte Wüsten, die riesige Tundra. Diese Orte scheinen ihren eigenen Charakter zu haben, eine Wildheit, die die Fantasie reizt. Aber kein Ort hat die gleiche Resonanz wie dieser Erste Ort, die geheiligten Stätten, die ich einmal so gut kannte. Die Kootenays waren ein ständiger Begleiter während der ganzen Jahre, die ich weg war, eine Quelle unauslöschlicher Inspiration, eine Ressource, auf die ich ständig zurückgreife. Sie sind mein Zuhause.“

Die Verbindung zu bestimmten Orten ist etwas, das ich mein ganzes Leben lang ergründet habe, und ich frage mich oft, warum das Konzept manche mehr und manche weniger anspricht – ob es Gewohnheit oder Geschichte ist, oder vielleicht beides. Ich fragte Emanuel was er von Nomadentum hält – einer Definition zufolge sind Nomaden jene, die festen Routen, die einem Zweck dienen, folgen und zu ihnen zurückkehren, im Gegensatz zu konstantem durstigem Umherziehen. Jedes Jahr im August paddelt er über den gleichen See mit seiner Mutter und ausgewählter Begleitung und sagt, dass es sich einfach komisch anfühlt, ein Jahr auszulassen. Die Rückkehr ist zur Notwendigkeit geworden.

„Der Trip ist Perfektion, eine Summation von allem, was ich am Sommer liebe“, so Emanuel. „Wir nehmen uns Zeit, fahren etwa 50 km an fünf Tagen, ein gemächliches Ritual bestehend aus schwimmen am Morgen, Kaffee, zwei Stunden paddeln, gemütlichem Mittagessen, wandern zu Wasserfällen, wieder schwimmen, Zelt aufbauen und jede Nacht an einem anderen Strand schlafen. Meine Mutter begann die Tradition. Jeden Sommer fuhr sie im Kanu mit meinem Stiefvater über den See. Ich kann mich nicht um alles in der Welt erinnern, warum meine Schwester und ich zunächst nicht mitgingen, aber ich erinnere mich genau an ihren Gesichtsausdruck, als sie zurückkam: beschwingt, voller Lebensfreude und mit Geschichten über wunderschöne, unberührte Strände, erfrischt durch eine Woche auf dem Wasser weit weg von allem. Nach dem Tod meines Stiefvaters waren überall Hohlräume, leere Stellen, ein tiefes Verlustgefühl. Mir war bewusst, wie wichtig der Erhalt gewisser Traditionen war, insbesondere die gleichen Gewässer immer wieder abzufahren, um diese Erinnerung bei ihr zu lassen. Und mir hat es auch sehr viel bedeutet. In all den Jahren, in denen ich an diesem See gezeltet habe, lernte ich nicht einmal die Hälfte davon kennen. Die ganze Westseite des Sees ist für Fahrzeuge unzugänglich – ein riesiges Gebiet aus Felsen, Wäldern und Stränden – und es war sehr erfüllend, endlich auch diese Seite kennenzulernen.“

Es ist offensichtlich, dass in einer Art Langsamkeit Wert liegt, wenn man Emanuels Arbeit und Verhalten sieht. Er bezeugt die langsameren Methoden des Reisens wie „Radtouren, Kanufahrten, Wanderungen“ und meint, dass sie „eine innigere und instinktive Art sind, sich mit einer Landschaft zu verbinden.“ „Wenn man abgeschirmt in einem Auto vorbeirast, kann man einen Ort nie auf diese Art erleben.“ Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen einer Person und einem Ort gibt, eine Art Spiegelbild der Persönlichkeit, das Anlass für die Wiederkehr ist, wie etwa wenn man Zeit mit einer Person verbringen möchte, mit der man sich gut versteht. Viele unserer Reisen sind heutzutage schnell und häufig. Vielleicht könnte man das Tempo ein wenig herausnehmen, um stärkere Beziehungen zu den Orten, die wir kennen, aufzubauen.

„Kaum etwas ist so spannend wie neue Reiseziele anzusteuern, jedoch hatte ich schon immer das Bedürfnis, dies mit einer ritualisierten Rückkehr zu einigen meiner Lieblingsplätze auszugleichen“, sagt Emanuel. „Es ist schön, diese Orte immer wieder zu besuchen, ihre verschiedenen Launen zu erleben, ihre Veränderungen zu bezeugen und Geborgenheit in dem zu finden, was gleich geblieben ist. Es wird immer Seen geben, die ich noch besuchen möchte, weitere Kanufahrten, die ich planen werde. Ich habe eine lange Liste von Seen, die ich entdecken möchte. Dennoch werden sie stets nur ein Zusatz zu unserem kleinen Trip sein, nie ein Ersatz. Ich fühle diese Landschaft in mir.“

„WAHRSCHEINLICH SEHE ICH ALLES IN EINEM ROMANTISCHEN LICHT, ABER ICH ERINNERE MICH AN EIN BEHARRLICHES GEFÜHL VON KÜHNSTEN TRÄUMEN, EINEN SINN FÜR DAS UNBEKANNTE UND DIE HOFFNUNG AUF ENTDECKUNG.“

„Je nachdem wer mitkommt, nehmen wir ein Kanu, zwei Kanus oder einen Kajak. Es macht Spaß Sitze zu tauschen, aber ich passe in diesen Kajak fast nicht rein.“

Der gleiche See wartet stets mit neuen Entdeckungen auf.

Schwimmen vor dem Frühstück.

„Unser Lieblingszeltlager. Meistens verweilen wir hier ein paar Tage länger.“

„Für BC ist es ein relativ kleiner See, der einem jedoch groß vorkommt, wenn man darauf paddelt.“