HINTER DER LINSE AUF DEN SPUREN DER NATURHINTER DER LINSE AUF DEN SPUREN DER NATUR

Text: icebreaker
Fotos: James Balog & Tad Pfeffer | Extreme Ice Survey

9. April 2019

Wenn Mutter Natur einen Sprecher wählen könnte, würde sie sich für Jeff Orlowski entscheiden. UN Champion of the Earth 2017. Mit einem Emmy ausgezeichneter Filmproduzent von Chasing Ice und Chasing Coral. Aktivist. Sein atemberaubendes Bildmaterial erobert Herz und Verstand. Seine Geschichten über Klimawandel sind für die Politik richtungsweisend. Anlässlich des UN-Weltwassertags 2019 unterhielten wir uns mit ihm über seine erstaunliche Arbeit und ökologischen Erkenntnisse.

Erzähle uns etwas über deine Arbeit.
Wir haben die Veränderungen der Erde und die visuellen Konsequenzen des Klimawandels dokumentiert. Wir reisten zu außergewöhnlichen Orten am Ende der Welt, wo sich die meisten Veränderungen vollziehen, und zudem am schnellsten. Für Chasing Ice reisten wir nach Grönland, Island und Alaska, um Gletscher an den abgelegensten Orten zu dokumentieren, weil sie an vorderster Front des Klimawandels stehen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich im Jahr 2019?
Unsere Zivilisation profitierte von sich entwickelnden Wirtschaften und Industrien, jedoch ging dies zu Lasten der Umwelt. Jetzt, da wir an einem Wendepunkt angelangt sind, wird uns klar, dass wir nicht ewig so weitermachen und unsere Ressourcen aufbrauchen können. Die große Herausforderung dreht sich darum, wie sich Industrie und Zivilisation im Verlauf des 21. Jahrhunderts und darüber hinaus gestalten werden. Nachhaltigkeit verlangt nach einem System, das unbegrenzt fortbestehen und organisch wachsen kann. Es ist wie ein Bankkonto. Wenn man von den Zinsen seines Bankkontos leben kann, wird man ewig davon leben können. Aber wenn man am Kapital nagt, steuert man dem Bankrott entgegen. Wissenschaftler reden uns Gewissen, dass wir uns dem Bankrott nähern, und dennoch versuchen wir, uns durch ein Weiter-wie-bisher-Verhalten Vorteile zu verschaffen, und das kann nicht ewig so weitergehen.

Bei Nachhaltigkeit geht es offensichtlich nicht nur um den Schutz natürlicher Ressourcen, sondern um die Veränderung der Systeme, die die Probleme verursachen.
Wir sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die Müll produzieren. Alle anderen Lebewesen haben Abfallprodukte, die Nahrung für eine andere Art darstellen. Hingegen haben wir riesige Müllberge gemacht, die in eine Sackgasse führen. Es gibt zahlreiche Null-Abfall-Initiativen, wie etwa das Von-der-Wiege-bis-zur-Wiege-Konzept, bei dem Produkte als Teil eines Kreislaufsystems erzeugt werden [Ed: am Ende des Lebenszyklus eines Produkts werden die Abfallstoffe als „Nahrung“ für andere Produkte wiederverwendet]. Wir müssen Unternehmen dazu bewegen, vom Konzept verschwenderischer Produkte abzurücken. Wie machen wir unsere Systeme vom Anfang bis zum Ende nachhaltiger? Nur so kann die menschliche Zivilisation sich selbst erhalten. Das ist das bestimmende Thema dieses Jahrhunderts. So betrachtet leben wir in einer wirklich spannenden Zeit, trotz der großen Katastrophe, der wir uns voraussichtlich gegenübergestellt sehen.

Worin siehst du deine Bestimmung?
Zunächst wollte ich einfach nur durch die Welt reisen und schöne Fotos machen. Als ich aber an all diesen Orten war und sah, wie sie sich verändern, wurde mir klar, dass ich eine höhere Bestimmung als nur meine eigennützigen Abenteuer hatte. So entstand dieses wunderschöne Hybridmodell aus Abenteuerreisen und der Mission, die Geschichten mit nach Hause zu nehmen. Meine Rolle als Erzähler ist es, neue und interessante Wege zu finden, das Bewusstsein der Menschen für das, was auf der Welt passiert, zu schärfen, und sie zu motivieren, sich darum zu kümmern.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem sich deine Sichtweise geändert hat?
Als wir Chasing Ice in Alaska verfilmten, verbrachten wir zwei Tage damit, einen Eishang neben einem Gletscher zu besteigen; wir befanden uns inmitten dieser riesigen Landschaft von Spalten und Hügeln. Bei unserer Rückkehr wenige Monate später war das gesamte Gebiet verschwunden. Das ganze Eis war in den Ozean gefallen. Das war eines der größten Alarmzeichen; riesige Blöcke verschwinden und das offene Meer bleibt zurück. Das Ausmaß der Veränderungen an den entferntesten Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Orten war viel größer als ich vermutet hatte. Es sind riesige Landschaften, die sich sehr schnell verändern.

Fühlst du dich verantwortlich, für eine neue Wahrnehmung zu sorgen?
Ja. Als wir vor einem Jahrzehnt mit unserer Arbeit auf diesem Gebiet begannen, spürten wir eine enorme Verantwortung, die Geschichten zu verbreiten. Heutzutage beobachten wir einen großen kulturellen Bewusstseinswandel und es kommt uns nicht mehr so vor, als ob wir gegen den Strom schwimmen, zumal auf internationaler Ebene mehr Anerkennung herrscht. Es zeichnet sich eine gewisse Dynamik, eine Bewegung ab; wir sind jedoch noch längst nicht am Ziel. Wie also nutzen wir die Energie und machen die Bewegung unaufhaltsam?

Wie viel Interesse habe deine Filme erzeugt?
Es ist immer spannend zu hören, wie die Filme die Sichtweise der Menschen verändert oder sie zum Weinen gebracht haben. Viele sagten: „Ich hätte nie gedacht, dass ich wegen Korallen heulen würde.“ Das ist eine große Bestätigung. Wir haben unzählige Erfolgsgeschichten darüber, wie wir die Vorstellungen von Menschen veränderten, einschließlich jene von Politikern. Es ist motivierend zu hören, dass unsere Arbeit einen Unterschied bewirkt, die Meinungen der Menschen verändert und sogar die Politik beeinflusst. Darauf sind wir als Team unglaublich stolz.

Wie setzt du die Reaktionen der Menschen auf den Film in Taten um?
Nach jeder Vorführung fragt uns immer jemand „Was kann ich tun?“ Dank unserer Unterstützung können Bürger erkennen, was in ihren lokalen Gemeinden getan werden muss. Jane Goodall erklärt, dass das Motto „Global denken, lokal handeln“ überwältigend sein kann, und dass es besser ist, lokal zu denken und lokal zu handeln. Denke an deine Gemeinde, deine Nachbarschaft, deine Freunde und Kollegen, und was getan werden kann, um diese Umgebung besser zu machen. Ich mag diese Philosophie, weil sie für den Durchschnittsbürger so viel greifbarer ist.

Der Film hat viele Auszeichnungen gewonnen, darunter einen Emmy. Was stellt diese Anerkennung dar?
Ich kann mich noch genau daran erinnern, als wir bei den Emmys für Chasing Ice waren. Wir saßen hinten und hatten keinerlei Erwartungen – schließlich standen wir im Wettbewerb mit wirklich bemerkenswerten Filmen. Als Chasing Ice als Gewinner angekündigt wurde, war unser gesamtes Team außer sich vor Freude. Es war eine unglaubliche Ehre für den Film auf diese Art gewürdigt zu werden. Damit war dieses signifikante Thema, das mehr Aufmerksamkeit, mehr und mehr Gespräche, sowie mehr Taten braucht, ins Rampenlicht gestellt. Alles, was Energie in diese Richtung dirigiert, ist gut.

„ALLE ANDEREN LEBEWESEN HABEN ABFALLPRODUKTE, DIE NAHRUNG FÜR EINE ANDERE ART DARSTELLEN. HINGEGEN HABEN WIR RIESIGE MÜLLBERGE GEMACHT, DIE IN EINE SACKGASSE FÜHREN.“

Kalbende Eisberge, Grönland.

Jeff Orlowski bei der Verfilmung von Chasing Ice.

Erkundung eines Gletschers in Island.

Chasing Ice stellt die dramatischen Effekte des Klimawandels in entlegenen Gebieten wie Alaska ins Rampenlicht.

The film follows James Balog as he sets up timelapse cameras for the Extreme Ice Survey.

Das Team von Chasing Ice beim Sundance-Festival, wo der Film mit Excellence in Cinematography ausgezeichnet wurde. ©Exposure 2011