Lebenserfahrungen aus der wildnisLebenserfahrungen aus der wildnis

Text & Fotos: Chris Long

23. August 2019

Überlebenstraining für Wissenschaftler in der Antarktis, Menschen dazu inspirieren, vom Ackerbau zu leben und mit den Extremen der Natur zu arbeiten, sind nur wenige Beispiele dafür, wie Chris Long, alias @Wild Kiwi Adventurer, andere auf einen nachhaltigeren Weg führt. Er wuchs in der entferntesten Familie Neuseelands auf – zwei Tage zu Fuß bis zur nächsten Straße – und nachdem er 17 Jahre lang das Busch-Handwerk erlernte, verließ er die Heimat, um durch die Welt zu reisen und anderen zu zeigen, wie man sich in der Wildnis anpasst und überlebt. Im Folgenden erzählt er uns seine besten Überlebensgeschichten

Gorge River, an der Westküste der Südinsel Neuseelands, ist ein imposanter, rauer Ort. Am Flussufer befindet sich ein kleines Haus, eingebettet in den Waldrand. Die offene stürmische See liegt direkt vor der Haustür. Eine Linie zeichnet sich deutlich ab, wo der türkisgrüne Fluss auf die Brandung trifft. Es ist ein atemberaubend schöner Ort, auch wenn die extremen Wetterumschwünge von unbarmherziger Natur sind. Dieser raue, bezaubernde Ort ist mein Zuhause.

Ich hatte das große Glück in einer der entferntesten Familien Neuseelands aufzuwachsen und zu lernen, in der Wildnis zu überleben. Es hat mich auf ein abenteuerreiches Leben im Zuge meiner Erkundung der Welt vorbereitet. Seit ich im Alter von 17 Jahren mein Zuhause verließ, um mein Studium abzuschließen, greife ich auf diese Fertigkeiten zurück, die es mir erlauben, unwegsame Erfahrungen sicher zu meistern und auch anderen diese Überlebensfähigkeiten zu vermitteln.

Meine fünf besten Lektionen:

1. Überleben eines Schneesturms in der Antarktis
Als Ausbilder an der Antarktisstation Scott Base brachte ich dem Personal und den Wissenschaftlern an der Forschungsstation bei, wie sie in der menschenfeindlichsten Umgebung der Erde sicher arbeiten und leben können. Dazu gehörte eine Nacht draußen im Schnee zu zelten. Mein erster Kurs war bis heute der stürmischste. Es herrschten Temperaturen von -40°C und Windstärken von 5-10 Knoten. In der Nähe war eine kleine Hütte, die wir abwechslungsweise nutzten, um uns immer wieder aufzuwärmen. Um Mitternacht wurde der Wind stärker und wechselte Richtung Süden… die ersten Warnzeichen für einen aufkommenden Schneesturm. In Gorge River war ich an Kälte, Wind und wechselhaftes Wetter gewohnt und wusste, wie wichtig es ist, bei diesen Bedingungen Schutz zu suchen. In der Antarktis sind die Bedingungen noch extremer. Es war Zeit nach Hause zu gehen.

Wir weckten unsere Gruppe auf und gaben ihnen eine simple Anweisung: „Rollt eure Schlafsäcke zusammen und hüpft in die Hägglunds [Allradfahrzeuge für das arktische Gelände].“ Wegen der schlechten Sichtverhältnisse benötigten 16 Leute für diese einfache Aufgabe, die normalerweise 20 Minuten in Anspruch nimmt, zwei volle Stunden. Während ich die nächsten 36 Stunden in der behaglichen Wärme am Scott Base dem wütenden Schneesturm draußen zuschaute, wurde mir bewusst, dass diese Erfahrung die bisher heftigste war und dass sich mein Aufwachsen in Gorge River auszahlte.

2. Durchquerung der Nordwestpassage in einem kleinen Segelboot
Die Durchquerung der Nordwestpassage auf einem 13-Meter-Segelboot führte mich an den einsamsten und schönsten Orten, die ich jemals gesehen habe, vorbei. Wir waren zu fünft auf einem Selbstversorger-Boot, manchmal über 1.000 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, und verließen uns vollkommen darauf, dass sich unsere Yacht über Wasser halten konnte. In einer Umgebung voller Eisberge, Schneestürme und Eisbären gab es so vieles, das schiefgehen konnte. Ein unbedachtes Feuer etwa könnte katastrophale Folgen haben. Der Aufprall auf einen Eisberg könnte uns versenken.
In Gorge River wurde meiner Schwester und mir eingebläut, Unfälle zu vermeiden. Zwar gab es einen Notpeilsender, falls wir uns verletzten, aber das war wirklich das allerletzte Mittel. Wir hätten Stunden, oder bei schlechtem Wetter sogar Tage auf einen Hubschrauber warten müssen. Wir lernten, einfach nie einen Fehler zu machen. Genau diesen Ansatz wählte ich für diese Reise und trichterte ihn dem restlichen Team ein.

Während der dreimonatigen Expedition hielten ständig zwei Leute Wache. So war eine Person unter Deck, um sich aufzuwärmen und Karten und Navigationsinstrumente zu überwachen, während die andere auf Deck war und nach Eisbergen, anderen Schiffe und Änderungen der Windrichtung Ausschau hielt. Diese Sicherheitsmarge erlaubte es uns, die Durchquerung intakt abzuschließen.

Die Schönheit des Bildes, als wir uns Alaska annäherten, werde ich nie vergessen. Der Sichelmond leuchtete hell auf uns herunter, als der Wind, der mit einer Stärke von 45 Knoten gegen unser Boot peitschte, mich um 4 Uhr morgens aufweckte. Die Gischt schnitt uns ins Gesicht, während die tanzenden Polarlichter den Nachthimmel durchtrennten. Alle rohen Elemente der Natur waren hier am Werk.

3. Überquerung eines überfluteten Flusses
Vor Kurzem wanderte ich mit einer Freundin, Sarah, nach Gorge River. Erst drei Tage zuvor zerstörte Hochwasser die Brücke am nahegelegenen Franz-Josef-Gletscher. Die Flüsse hatten immer noch Hochwasser und die Vorhersage meldete mehr Regen für die Nacht. Wir wanderten die 20 Kilometer nach Barn Bay, wo wir in einem Haus am Strand übernachteten. Wir machten es uns am Feuer gemütlich, während wir dem wütenden Sturm draußen zuhörten.

Am nächsten Morgen beschlossen wir, das Furten des Flusses zu versuchen. Aus Erfahrung wusste ich, dass die dunkle Farbe des Wassers signalisierte, dass der Fluss geschwollen war, aber nicht überflutet. Wir nutzten sämtliche unserer Kenntnisse über Flussdurchquerungen, um die einzige sichere Route auszuarbeiten. Dabei war uns bewusst, dass wir den Punkt einer sicheren Rückkehr möglicherweise erst nach der Hälfte überschreiten werden. Kurz vor der Mitte bemerkten wir, dass das stark strömende Wasser, das an dieser Stelle über hüfttief war, seichter wurde. Wir könnten es schaffen. Wir durchwateten den Fluss, ohne zu tief hineinzugeraten, ohne an einen Punkt zu kommen, an dem wir die Situation nicht mehr sicher handhaben konnten. Das zeigt, dass man getrost an seine Grenzen gehen kann, solange man einen klaren Ausweg hat.

4. Handhabung eines Skiunfalls
Während meiner Arbeit im Skigebiet war ich eines Tages mit einem Freund bei Neuschnee unterwegs. Wir nutzten den Pulverschnee in vollen Zügen aus. Am Ende eines anstrengenden Tages, als der Skihang im Schatten lag, bauten wir uns an einem Felsvorsprung eine kleine Schanze. Wir hatten großen Spaß bis mein Kumpel versuchte, einen Rückwärtssalto zu schlagen, den er auf dem harten Schnee auf dem Kopf landete. Ein Wirbel im oberen Rücken war gebrochen, während sein Körper verdreht auf der eisigen Skipiste mit einer 35° Hangneigung lag.

Meine Erste-Hilfe-Ausbildung kam sofort zum Zug. Ihm stand der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Ich wusste, dass ich ihn am Hang stabilisieren musste, um ein weiteres Abrutschen zu verhindern, während ich den Rettungsschlitten oben am Berg rufen und den Skigebietsleiter benachrichtigen musste, damit er den Rettungshubschrauber bestellen konnte. Derweil musste ich die Wirbelsäule trotz der prekären Situation so gut es ging stabilisieren. Zudem zogen Wolken am Himmel auf und ich durfte keine Zeit verlieren, ihn auf den Hubschraubertransport vorzubereiten. Er versuchte ständig aufzustehen und ich musste ihm entschieden zureden: „Bleib ruhig liegen, Tom, beweg dich nicht.“

Ich hielt seinen Kopf gerade und mit der Hilfe von zwei Bergrettern und Zuschauern gelang es uns, ihn von der ungeschickten Hanglange auf die Trage zu rollen. Nach einem Trauma kann es schnell zu Unterkühlung kommen, insbesondere wenn man auf dem kalten Schnee liegt. Um dies zu verhindern, wickelten wir ihn in Decken ein und transportierten ihn im Rettungsschlitten unverzüglich den Berg hinunter zum Hubschrauberlandeplatz. Als der Hubschrauber in die Luft aufstieg kehrte am ganzen Berg Stille ein, während wir auf Nachrichten warteten. Zwei Tage später konnte Tom das Krankenhaus mit einer fusionierten Wirbelsäule zu Fuß verlassen. Das richtige Training hat es mir ermöglicht, ihn am Aufstehen zu hindern; sonst wäre er jetzt möglicherweise gelähmt.

5. Erlebnispädagogik in China
Das Aufwachsen in einer wechselhaften Umgebung hat es mir gelehrt, flexibel zu sein und notfalls den Plan zu ändern. Erlebnispädagogik in China zu unterrichten erforderte dieselben Fähigkeiten, aber in einer vollkommen anderen Umgebung – eine Umgebung voller Menschen. Als Programmkoordinator in einem abgelegenen Hotel wartete eine unangenehme Überraschung auf mich. Ich war für 12 Mitarbeiter verantwortlich und wir erwarteten eine Gruppe von 100 achtjährigen Schulkindern von Hongkong. Wir holten sie ab und brachten sie mit der Fähre über den See zum Hotel, das normalerweise ein ruhiges Plätzchen mit nicht zu vielen Gästen ist. Während unserer zweistündigen Abwesenheit kam noch eine Gruppe an – 1.000 Teilnehmer einer Gesundheitstagung. Draußen regnete es stark und plötzlich mussten sich alle in den Speisesaal quetschen.

Meine Gruppe von Kindern war hungrig und müde. Und sie schienen in der Menge der viel größeren Erwachsenen unterzugehen. Dennoch gelang es uns, sie zusammenzutreiben und mit einem neuen Plan für die nächsten Stunden aufzukommen, der die Erwartungen für den Tag grundlegend änderte. Die Fähigkeiten, die ich in der Wildnis lernte – sich anzupassen und sich jeden Augenblick zu ändern – wurden auf eine sehr unterschiedliche Umgebung im bevölkerungsreichsten Land der Erde übertragen.

„IN GORGE RIVER WAR ICH AN KÄLTE, WIND UND WECHSELHAFTES WETTER GEWOHNT UND WUSSTE, WIE WICHTIG ES IST, BEI DIESEN BEDINGUNGEN SCHUTZ ZU SUCHEN. IN DER ANTARKTIS SIND DIE BEDINGUNGEN NOCH EXTREMER. ES WAR ZEIT NACH HAUSE ZU GEHEN.“

Zelten in der Antarktis bei -40°C.

Zelten in der Antarktis bei -40°C.

Bergsteigen am Mt Arapiles, Western Australia.

Bergsteigen am Mt Arapiles, Western Australia.

Strandsäuberung am Fox Glacier, Neuseeland.

Strandsäuberung am Fox Glacier, Neuseeland.

Chris Longs einsam gelegener Garten, Gorge River, Westküste, Neuseeland.

Chris Longs einsam gelegener Garten, Gorge River, Westküste, Neuseeland.

Chris Long und Freundin Sarah auf der Wanderung zurück nach Gorge River.

Chris Long und Freundin Sarah auf der Wanderung zurück nach Gorge River.

Extreme Bedingungen bei der Durchquerung der Nordwestpassage.

Extreme Bedingungen bei der Durchquerung der Nordwestpassage.

Überlebenstraining für Wissenschaftler in der antarktischen Wildnis.

Überlebenstraining für Wissenschaftler in der antarktischen Wildnis.