LERNE BEN LECOMTE KENNENLERNE BEN LECOMTE KENNEN

Text & Fotos: icebreaker

9. Mai 2019

Im Jahr 1998 stellte der Langstreckenschwimmer Ben Lecomte den Rekord auf, als erster Mensch ohne Kickboard durch den Atlantik zu schwimmen. Seither dienen seine waghalsigen Unterfangen in den Ozeanen einem höheren Zweck, nämlich auf die Meeresverschmutzung durch Plastik aufmerksam zu machen. Am Abend vor seinem „Vortex Swim“ durch den Plastikmüllstrudel, dem sogenannten North Pacific Garbage Patch, erzählt er uns seine Geschichte.

Ich liebe den Ozean. Mein Vater hat mir das Schwimmen im Atlantik beigebracht. Von Anfang an fühlte ich mich mit dieser Umgebung sehr verbunden. Als ich klein war, wollte ich entweder auf dem Wasser oder im Wasser sein.

Ich fordere mich gerne selbst heraus und teste meine Grenzen, um Neues zu entdecken. Erst kürzlich erinnerte sich meine Mutter: „Schon als du klein warst, hast du ständig nach neuen Abenteuern gesucht.“ Wenn du nicht gefährlich lebst, nimmst du zu viel Platz ein. Wir alle haben Träume und Wünsche. In ein paar Jahren möchte ich nicht denken müssen, hätte ich nur das gemacht oder jenes probiert. Lieber scheitere ich an einer Sache, für die ich eine Leidenschaft habe, als es nicht zu versuchen.

Soweit ich mich erinnern kann, war ich das letzte Mal an einem Strand ohne Plastikmüll zu sehen, als ich ein Kind im Alter von fünf oder sechs Jahren war. Seit ich vor vielen Jahren mit dem Freiwasserschwimmen begann, beobachte ich, dass die Meere zunehmend mit Plastik und Treibgut verschmutzt sind.

Als Familienvater fühle ich mich dafür verantwortlich, alles zu versuchen, um das Problem, das wir an unsere Kinder weitergeben, zu begrenzen. Wenn wir jetzt nichts dagegen tun, wird das Problem für die nächste Generation eskalieren.

Mir ist klar geworden, dass ich durch meine Leidenschaft für das Freiwasserschwimmen am ehesten auf die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll aufmerksam machen kann. Ich werde die Unterfangen als Plattform für die Bewusstseinsbildung nutzen und Daten für wissenschaftliche Studien sammeln.

Letztes Jahr schwamm ich 1500 Seemeilen durch den Pazifik, von Japan bis nach Hawaii. Im Verlauf der Expedition entnahmen wir Plastikproben für wissenschaftliche Partner und beobachteten dabei große Ansammlungen von Abfall.

Während des „Vortex Swim“ werde ich durch einen dichten Teppich aus Mikroplastik schwimmen, den sogenannten North Pacific Garbage Patch. Es ist wie Plastik-Smog im Wasser. Ich werde mindestens 300 Seemeilen lang hindurchschwimmen, um auf die 300 Millionen Tonnen Plastik aufmerksam zu machen, die Jahr für Jahr an Land produziert werden.

Das wird in mentaler und körperlicher Hinsicht meine Grenzen testen. Derart lange Distanzen unter schwierigen Bedingungen zu schwimmen, erfordert einen bestimmten mentalen Zustand. So wird es vorkommen, dass große furchterregende Fische um mich herum sein werden, und es ist eine ganz natürliche Reaktion, dass sich die Herzfrequenz erhöht.

Auf dem Boot wird viel gegessen; die Reise ist mit hoher körperlicher Anstrengung verbunden und die Datenerhebung erfordert viel Mühe und Energie. Wenn ich nicht schwimme, werde ich entweder essen oder schlafen.

Ich hasse es, Plastik mitten im Ozean zu sehen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich auch verblüffende Meereslebewesen sehen werde, weil mit viel Treibgut immer ein ganzes Ökosystem verbunden ist. Man sieht erstaunliche Dinge, die mitten im Ozean eigentlich nicht vorkommen dürften. Ich werde Fische aus nächster Nähe sehen und mit ihnen interagieren können; sie haben keine Angst, sie sind nur neugierig. Große Fische wie Haie und Schwertfische werden sich um mich herum tummeln, weil sie neugierig sind. Seevögel wie Albatrosse werden zum Greifen nahe neben mir auf dem Wasser sitzen.

Es ist ein irres Gefühl, ganz weit draußen im Wasser zu sein, ohne Land zu sehen, mitten im Nirgendwo. Ich fühle mich wirklich wie ein Tiger im Käfig, der nur darauf wartet, dass jemand die Tür öffnet, damit ich losrennen und frei sein kann. Es wird sehr schwierige Momente geben, die mich aufs Neue fordern werden, aber am Ende habe ich eine Erfahrung, die ich nirgendwo anders bekomme.

Es herrscht zu wenig Verständnis über das Problem der Meeresverschmutzung durch Plastik. Wenn es nicht direkt vor ihrer Haustüre ist, scheint es die Menschen wenig zu kümmern. Wir möchten den Menschen vor Augen führen, was sich dort draußen befindet – sie mitnehmen auf diese Reise, damit ihnen klar wird, was wir sehen.

„ES HERRSCHT ZU WENIG VERSTÄNDNIS ÜBER DAS PROBLEM DER MEERESVERSCHMUTZUNG DURCH PLASTIK. WENN ES NICHT DIREKT VOR IHRER HAUSTÜRE IST, SCHEINT ES DIE MENSCHEN WENIG ZU KÜMMERN. WIR MÖCHTEN DEN MENSCHEN VOR AUGEN FÜHREN, WAS SICH DORT DRAUSSEN BEFINDET - SIE MITNEHMEN AUF DIESE REISE, DAMIT IHNEN KLAR WIRD, WAS WIR SEHEN.

Lediglich mit Maske, Schnorchel und Neoprenanzug ausgestattet wird Ben bis zu acht Stunden am Tag schwimmen.

The Discoverer, das Zuhause von Ben und der Besatzung während der drei Monate des Vortex Swim. 03 Besatzungsmitglied Paul Lecomte bereitet die Entnahme von Wasserproben für Analysezwecke vor.

Besatzungsmitglied Paul Lecomte bereitet die Entnahme von Wasserproben für Analysezwecke vor.

Der Vortex Swim dient mitunter der Bewertung des Ausmaßes der Meeresverschmutzung durch Mikroplastik.